"Bundestrojaner" soll auch bei Mobiltelefonen und PDAs eingesetzt
werden - Manipulierte Links in Wikipedia - Neue Handy-Plattform von
Google birgt Risiken
Der russische IT-Sicherheitsspezialist Kaspersky Lab
erwartet durch die rasant steigende Computer-Verbreitung in den schon
jetzt am häufigsten für Attacken verantwortlichen Ländern China,
Russland und Lateinamerika eine deutliche Verschärfung der
Sicherheitsrisiken im Web. "Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden,
könnte es in den kommenden Jahren zu einem ziemlichen Chaos im Internet
führen", erklärte Vorstandschef Eugene Kaspersky vor Journalisten in
Moskau.
"Vielleicht wird man sich dann nur noch auf
bekannten Seiten oder in geschützten Bereichen des Internets bewegen
und unbekannte meiden"
Die aktuelle Bedrohungslage sei mit den
relativ sicheren Straßen in europäischen Hauptstädten vergleichbar,
künftig eher mit der Situation in Sao Paulo. "Vielleicht wird man sich
dann nur noch auf bekannten Seiten oder in geschützten Bereichen des
Internets bewegen und unbekannte meiden", so Kaspersky. Gerade Länder,
in denen Computer und Onlinezugänge bisher noch wenig Verbreitung
gefunden hätten, seien im Bereich Cyberkriminalität sehr aktiv. "Daher
frage ich mich, ob Aktionen wie der 100-Dollar-Laptop in Afrika gut
sind oder nicht", sagte der bisherige Entwicklungschef, der erst
kürzlich die operative Führung des Unternehmens von seiner Ex-Frau
Natalya Kaspersky übernommen hat.
Reaktion
Europa
müsse darauf reagieren, denn "die EU ist eine Vereinigung von Opfern.
Die Täter sitzen woanders". Cyberkriminalität habe sich zu einer
Industrie entwickelt, die nicht nur professionelle Produkte und
Services anbietet, sondern auch neue Interessenten anspricht. "Das
C-to-C-Geschäft - damit meine ich Criminal-to-Criminal - ist inzwischen
größer als die komplette Antivirus-Industrie. Klar, die zahlen ja auch
keine Steuern", gab sich der 42-jährige Manager überzeugt. Vor kurzem
habe jemand mit Phishing - also gefälschten E-Mails, die auf
präparierte Seiten führen - eine Bank in wenigen Tagen um mehr als eine
Million Euro erleichtert. "Aber die Finanzinstitute verschweigen das
aus Angst vor einem Imageschaden. Die geben das Geld einfach den Kunden
zurück und verbuchen die anfallenden Kosten", so Kaspersky im Gespräch
mit der APA.
Handel
Viele Kriminelle hätten es aber
gar nicht mehr auf den Endkunden abgesehen, sondern würden nur mehr mit
entsprechenden Werkzeugen handeln. "Botnets - also Netzwerke aus
mehreren hundert oder auch tausend infizierten ferngesteuerten PCs -
werden nach Nutzungsdauer und Anzahl der infizierten Computer
vermarktet, inklusive technischem Support und Allgemeinen
Geschäftsbedingungen", sagte der Virenjäger. Botnets haben laut
Kaspersky heuer bereits diplomatische Verwicklungen ausgelöst: Nach
massiven Attacken auf Behörden-Webseiten in Estland wurde gemutmaßt,
dass die russische Regierung dahinter steckt. Tatsächlich hätten
russische Spammer ein Botnet gegen Estland eingesetzt. "Das war also
ein Kampf Cyberkriminelle gegen Regierung."
"Bundestrojaner"
Dem
derzeit in Österreich und Deutschland heftig diskutierten Einsatz einer
behördlichen Online-Fahndung, also dem sogenannten "Bundestrojaner",
könnten die Softwareanbieter wenig entgegensetzen. "Dazu müsste uns ein
Sample zur Verfügung gestellt werden, was die Geheimdienste klarerweise
nicht machen. Wenn außerdem lediglich ein paar Rechner mit dem Trojaner
infiziert sind, werden wir ihn wahrscheinlich nicht entdecken. Und
falls doch, wissen wir ja gar nicht, dass es sich um den Bundestrojaner
handelt", so Kaspersky gegenüber der APA. Auf die Frage, ob es die
Cyberkriminellen den Behörden so einfach machen würden, meinte er: "Die
Dummen werden eingesperrt. Es gibt aber auch viele Clevere." Laut
Angaben des Unternehmens ist der Bundestrojaner "fast fertig" und soll
in Kürze auch für Mobiltelefone und PDAs (Personal Digital Assistants)
bereit stehen.
Internetnutzer haben gelernt, nicht jeden verdächtigen Link oder
Anhang in E-Mails anzuklicken. Bei Web 2.0-Anwendungen wie Blogs,
Podcasts oder Wikis ist hingegen noch wenig Bewusstsein vorhanden,
sagte Eugene Kaspersky.
Nichts Neues
"Web 2.0 verwendet dieselben Technologien wie Web 1.0, insofern
ist das nichts Neues. Das Problem besteht darin, dass die User das
Web 2.0 nicht als Gefahr wahrnehmen und wahllos auf alles klicken.
Kriminelle nutzen das natürlich aus und schicken ihre infizierten
Links automatisch in verschiedene Communities, auch bei Wikipedia
wurde das probiert. Allerdings sind sogenannte Security 2.0-Produkte,
befürchte ich, ein reiner Marketing-Gag", erklärte Kaspersky.
Überbewertet
Auch die Gefährdung von Handys werde überbewertet. "Im Vergleich
mit Computerkriminalität ist das praktisch unsichtbar. Bei
Smartphones gibt es noch keine kritische Masse, was sich aber durch
das iPhone von Apple ändern könnte. Außerdem sitzen die aktivsten
Hacker in Regionen, in denen Handyservices - wie die Erledigung von
Bankgeschäften am Mobiltelefon - noch kaum verbreitet sind", so der
Vorstandschef. Durch die neue Handy-Plattform von Google namens
Android könnten die Risiken allerdings steigen, weil die User lieber
zu flexiblen als zu sicheren Systemen greifen würden. "Mit Android
wird es viele Dienste geben, die man attackieren kann",
prognostizierte Kaspersky.
IPO
Die schon länger kolportierten Pläne eines Börsegangs seines
Unternehmens bestätigte der Vorstandschef. "In die Richtung geht es,
aber einen konkreten Zeitpunkt gibt es noch nicht. Wir stehen in
Verbindung mit einer Investmentbank und werden kommendes Jahr mehr
Details über unsere Finanzdaten bekannt geben. Wir brauchen
eigentlich kein Geld, aber gegenüber Privatfirmen gibt es in unserer
Branche so manche Vorbehalte", sagte Kaspersky. Zurzeit würden die
Gründer und Top-Manager die Anteile halten.
"Wir haben hingegen
jedes Jahr dreistellig zugelegt"
Besonders gut laufe das Geschäft im deutschsprachigen Raum. "Der
Antiviren-Markt ist laut Marktforschern in den vergangenen drei
Jahren um jeweils elf, zwölf Prozent gewachsen. Wir haben hingegen
jedes Jahr dreistellig zugelegt", erklärte der für Deutschland,
Österreich und die Schweiz (DACH) zuständige Andreas Lamm im Gespräch
mit der APA. In Gesamteuropa habe im Retailbereich zwar Mitbewerber
Symantec die Nase vorne, Kaspersky liege aber bereits auf Platz zwei
und wolle bis 2009 an die Spitze vorstoßen. Nach Osteuropa sei man
auch in der DACH-Region bereits die Nummer eins vor Symantec und
G-Data.
Österreich
Österreich und die Schweiz werden derzeit noch vom deutschen
Ingolstadt aus mit betreut. "Vielleicht geht sich 2008 eine eigene
Niederlassung in Österreich aus, spätestens 2009 sollte es aber so
weit sein", so Lamm. Bisher sei man vor allem im Retailbereich und
bei Klein- und Mittelbetrieben aktiv gewesen, nun würden zunehmend
größere Unternehmen ins Visier genommen. Kurz vor dem Abschluss stehe
ein Vertrag mit einem heimischen Versicherungskonzern. Derzeit würden
Ungarn, die Slowakei und Tschechien von Deutschland aus mit betreut,
künftig könnten die Aktivitäten in diesen Ländern verstärkt von Wien
aus gesteuert werden.
Mit den Partnern, die die Kaspersky-Technologie einsetzen, belaufe
sich die Nutzerzahl inzwischen auf über 250 Millionen weltweit. "Das
Verkaufsvolumen wird von 85 Mio. US-Dollar im Vorjahr auf über 200
Mio. im Jahr 2007 ansteigen. Nächstes Jahr rechnen wir mit mehr als
330 Mio. US-Dollar", gab sich Finanzvorstand Eugene Buyakin
überzeugt.
Kaspersky Lab wurde 1997 gegründet und hat inzwischen
Niederlassungen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Holland,
Rumänien, Polen, Südkorea, China, Japan und den USA. Das Unternehmen
mit Sitz in Moskau beschäftigt zurzeit 850 Mitarbeiter. Kunden sind
laut den Angaben unter anderem Airbus, BBC Worldwide, France Telecom
oder das italienische Außenministerium. (APA)
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Kaspersky Lab
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